Neubeginnen

Eine Geschichte aus dem Zen-Buddhismus

„Großer Meister“, sagte der Schüler, „ich bin von weit her gekommen, um von dir zu lernen. Über viele Jahre habe ich von sämtlichen Erleuchteten und Lehrern dieses Landes und der ganzen Welt gelernt, und sie alle haben mir viel Weisheit gegeben. Nun glaube ich, dass du der Einzige bist, der meine Suche vollenden kann. Lehre mich alles, Meister, was ich noch wissen muss.“ Der Meister erklärte, gerne werde er ihn in allem unterweisen, was er wisse, doch bevor er beginne, wolle er ihn zu einem Tee einladen. Der Schüler setzte sich zu dem Meister, der eine Tasse mit Tee und eine Kupferkanne von einem Tischchen nahm. Der Meister reichte dem Schüler die gefüllte Tasse, doch sobald dieser die Tasse in Händen hielt, begann er mehr Tee einzugießen, so dass der Tee rasch überlief. Der Schüler, die Tasse in Händen, versuchte seinen Gastgeber darauf hinzuweisen: „Meister…, Meister…“. Der Meister tat, als würde er nicht verstehen, und goss immer weiter Tee ein, der schon bald über den Unterteller auf den Teppich tropfte. „Meister!“, rief der Schüler nun, „hör auf, Tee in meine Tasse zu gießen! Siehst du nicht, dass sie schon voll ist?“ Der Meister hörte auf, Tee einzuschenken, und sagte zu dem Schüler: „Solange du nicht in der Lage bist, deine Tasse zu leeren, wirst du nicht mehr hineingießen können.“

 

©2019 by Hans H. Bass, Bremen