Loslassen

Eine Geschichte des argentinischen Psychiaters und Gestalttherapeuten Jorge Bucay aus seinem wunderbaren "Buch der Trauer. Wege aus Schmerz und Verlust" (Frankfurt, S. Fischer Verlag, 2015)

Es war einmal ein Mann, der einen Berg bestieg. Es war ein ziemlich anspruchsvoller Aufstieg, insbesondere, nachdem es zuvor heftig geschneit hatte. Er hatte die Nacht in einem Biwak verbracht, und am Morgen waren die Berge von Schnee bedeckt, was den Aufstieg sehr erschwerte. Aber er hatte nicht umkehren wollen, und so kletterte er immer weiter und weiter, um diesen steilen Berg zu erklimmen. Bis er irgendwann, vielleicht weil er sich verschätzt hatte, vielleicht weil die Situation wirklich schwierig war, einen Haken einschlagen wollte, um seine Sicherungsleine einzuhaken, und sich der Karabiner löste. Der Bergsteiger verlor das Gleichgewicht und stürzte ab, wobei er inmitten einer Schneelawine immer wieder heftig gegen den Fels schlug.
Sein ganzes Leben zog an ihm vorüber, doch als er schon die Augen schloss und auf das Ende wartete, spürte er, wie ihm ein Seil ins Gesicht schlug. Ohne lange nachzudenken, griff er instinktiv danach. Vielleicht war das Seil an einem Sicherungshaken hängen geblieben… wenn es so war, konnte es sein, dass es den Schlag aushielt und seinen Fall bremste.
Er schaute nach oben, aber da war nichts als Sturm und wirbelnder Schnee. Während dieses schier endlosen, rasend schnellen Falls schien jede Sekunde zu einem Jahrhundert zu werden. Plötzlich gab es einen heftigen Ruck, und das Seil straffte sich. Der Bergsteiger konnte nichts sehen, aber er wusste, dass er fürs Erste gerettet war. Er hing inmitten dieses Schneetreibens in eisiger Kälte an seinem Seil, aber da war dieses Stück Hanf, das verhindert hatte, dass er am Fuß der Steilwand zerschellte. Er versuchte, sich umzuschauen, aber es war unmöglich. Man konnte nichts erkennen. Er rief zwei-, dreimal, doch dann wurde ihm klar, dass ihn niemand hören konnte. Seine Chance, gerettet zu werden, war verschwindend gering, selbst wenn er vermisst würde, konnte man die Suche nach ihm erst aufnehmen, wenn der Schneesturm aufhörte, und auch dann wusste keiner, dass der Bergsteiger irgendwo über dem Abgrund baumelte.
Wenn er nicht bald etwas unternahm, war sein Leben hier zu Ende. Was sollte er tun? Er überlegte, an dem Seil nach oben zu klettern und zu versuchen, das Biwak zu erreichen, doch schon bald erkannte er, dass das unmöglich war. Plötzlich hörte er die Stimme. Die Stimme kam aus seinem Inneren, und sie sagte: „Lass los“. Vielleicht war es die Stimme Gottes, vielleicht die Stimme seiner inneren Weisheit, vielleicht die eines bösen Geistes, vielleicht eine Halluzination… Und er hörte, wie die Stimme immer wieder sagte: Lass los, lass los…
Er überlegte, dass Loslassen den sofortigen Tod bedeuten würde. Es war eine Möglichkeit, das Martyrium zu beenden. Er dachte über die verlockende Aussicht nach, den Tod zu wählen, um dem Leiden ein Ende zu machen. Und als Antwort wurde die Stimme noch lauter. Und die Stimme drängte: „Lass los, dann musst du nicht länger leiden. Diese Quälerei ist vergebens. lass los.“ Doch er klammerte sich noch stärker fest, während er sich selbst einschärfte, dass keine Stimme der Welt ihn dazu bringen würde, das Seil loszulassen, das ihm ganz offensichtlich das Leben gerettet hatte. Der Kampf ging über Stunden, aber der Bergsteiger klammerte sich fest an das Seil, von dem er dachte, es sei seine einzige Chance.
Am nächsten Morgen fand die Rettungsmannschaft den Bergsteiger halbtot. Es war kaum noch Leben in ihm. Noch ein paar Minuten länger, und der Bergsteiger wäre erfroren, während er paradoxerweise sein Seil umklammerte… keinen Meter über dem Boden hängend.


Jorge Bucay,  Das Buch der Trauer. Wege aus Schmerz und Verlust, S. Fischer Verlag,2015, S. 55-57.

 

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